„Es gibt keine Alternative zum Frieden!“ Interview mit Univ. Prof. Grigorios Larentzakis

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Grigorios Larentzakis feierte vor kurzem seinen 80. Geburtstag und blickt im Interview mit Lisa Weichsler auf jahrzehntelange Erfahrung und
Engagement im interreligiösen Dialog in der Menschenrechtsstadt Graz zurück. Von der friedenstiftenden Rolle der Ökumene, Irrlehren und Häresien und was das für den Ukraine-Krieg bedeutet, der auch ein religiöser Konflikt ist.

Sie blicken zurück auf jahrzehntelanges Engagement im interreligiösen Dialog in der Stadt Graz. Was waren einprägsame Momente?

Die Tatsache, dass die Stadt Graz, der Bürgermeister dieser Stadt, in der ich seit 1970 lebe, einen Interreligiösen Beirat eingerichtet hat, war für mich äußerst positiv. Es war beeindruckend, dass uns der Bürgermeister Siegried Nagl sagte, bei uns leben Menschen aus verschiedenen Ländern, aus verschiedenen Religionen, die auch besondere Traditionen haben, besondere Bedürfnisse und einen besonderen Lebensstil. Es ist gut, wenn der Bürgermeister richtig informiert wird, damit er alles ihm Mögliche tut, damit die Menschen in unserer Stadt sich wohl fühlen und friedlich und harmonisch miteinander leben können. Dieses Ernstgenommen zu werden, die Bereitschaft, auf die anderen zu hören, ihre Meinung einzuholen, es ist nicht selbstverständlich

Was uns, die Vertreter der verschiedenen Religionen und Kirchen betrifft, muss ich auch feststellen, dass es auch für uns eine Bereicherung war, weil wir erkannt haben und uns noch bewusster geworden ist, dass wir in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft leben, in der eine gegenseitige Achtung und ein gegenseitiger Respekt vor dem anderen, dem anders Denkenden und anders Handelnden stehen, der genauso wie wir alle Rechte und alle Pflichten in gleicher Weise hat

Die Würde aller Menschen unabhängig von Herkunft, von Farbe, Sprache, Geschlecht, Nation und Religion ist unteilbar und zu respektieren, denn alle sind Geschöpfe Gottes.

Wie hat sich der interreligiöse Dialog über die Zeit verändert?

Am Anfang war ein zögerliches Zueinander, denn die alten Vorurteile waren noch sehr stark vorhanden. Im Laufe der Zeit und durch das bessere Kennenlernen ist die Gleichwertigkeit aller Menschen bewusster geworden, so dass auch auf verschiedene politische, religiöse und soziale Vorkommnisse gemeinsame Aktionen und Reaktionen durch gemeinsame Erklärungen möglich geworden sind. Die religiöse Stimme der Stadt Graz kann auch gemeinsam erhoben werden, denn Religion ist keine Privatsache, die in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hätte. Die Stadt Graz mit ihrem Bürgermeister Mag. Siegfried Nagl hat diese Stimme gefördert und ich bin überzeugt, dass auch die neue Bürgermeisterin Frau Elke Kahr diese Förderung weiterhin unterstützen wird.

Vor nicht weniger als 25 Jahren war Graz Austragungsort der zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung und Sie als Vorsitzender des Grazer Lokalkomitees in einer tragenden Rolle. Wie kam es dazu?

Es war für mich eine große Freude und eine besondere Ehre, als ich das erste Mal gefragt wurde, was ich dazu zu sagen habe, dass die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung in Graz stattfinden könnte. Ich war nicht überrascht, denn ich war Mitglied bei verschiedenen Gremien der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und die intensive Ökumene in Graz war bereits auch in Genf sehr bekannt. Den Namen Graz nannte das erste Mal Dr. Alexandros Papaderos, der Mitbegründer und langjährige Direktor der Orthodoxen Akademie von Kreta und ebenfalls Mitglied bei verschiedenen Kommissionen der Konferenz Europäischer Kirchen. Er kannte sehr gut die Ökumene in Graz durch mich, aber auch durch meine Ökumenischen Exkursionen von Graz aus in der Orthodoxen Akademie auf Kreta. Ich habe mich bereit erklärt „den Ball“ aufzunehmen und dann begann die notwendige Diskussion auch mit dem Rat der Katholischen Bischofskonferenzen in Europa (CCEE). Es kamen nach Graz die zwei Generalsekretäre der KEK Jean Fischer und des CCEE Ivo Führer, um den anvisierten Austragungsort gründlich zu ergründen. Die Beurteilung fiel äußerst positiv aus. Die Entscheidung für Graz war gefallen und die notwendigen Vorbereitungen wurden in Angriff genommen. Es wurde ein Lokalkomitee gegründet: Ich wurde zum Vorsitzenden und zu den Lokalsekretären Mag. Herbert Beiglböck und Pastor Wifried Nausner gewählt. Mit Dankbarkeit denke ich an die intensive Arbeit und Kooperation von sehr vielen Institutionen und einfachen Menschen zurück. Die Anteilnahme und die Gastfreundschaft waren beispielhaft.

Eine wichtige Frucht aus der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung ist die „Charta Oecumenica“, die in Strasbourg im Jahre 2001 veröffentlicht wurde. Ein Grundsatz-Dokument mit wichtigen Leitlinien für die Zusammenarbeit in Europa, die an Aktualität und Bedeutung nichts verloren hat. Es muss nur heute mehr bekannt, rezipiert und umgesetzt werden. Eine sehr wichtige verantwortungsvolle Aufgabe unserer Kirchen, unserer Ökumenischen Organisationen, unserer Theologischen Fakultäten für heute und morgen.

Welches Thema stand im Vordergrund der zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung? Warum wurde dieses Thema gewählt?

„Versöhnung – Gabe Gottes-Quelle neuen Lebens“ Das Thema ist existentiell wichtig und immer aktuell, denn wir Menschen sind sehr oft unfähig uns zu versöhnen, um in Frieden miteinander zu leben. Das Thema ist aber grundsätzlich wichtig für die Versöhnung Gottes mit den Menschen durch Jesus Christus, durch seinen Tod und Auferstehung. Notwendig ist auch die Versöhnung zwischen den Kirchen und zwischen den Religionen. Versöhnung zwischen den Völkern und den Kulturen und nicht zuletzt Versöhnung des Menschen mit der Natur in der Umweltproblematik und in der heutigen katastrophalen Lage des Klimawandels.

Wenn Sie an die Versammlung zurückdenken, was kommt Ihnen zuerst in den Sinn?

Es war eine beglückende fröhliche Stimmung in der ganzen Stadt. Es war das erste Mal, dass mehrere Tausend Menschen aus ganz Europa nach Graz kamen , um gemeinsam Zeugnis abzulegen. Die Eröffnungsfeier am Freiheitsplatz und die Abschlussveranstaltung im Stadtpark, (nunmehr „Platz der Versöhnung“ benannt) an der ca 30.000 Menschen aus ganz Europa, aus dem Westen, dem Norden und dem Süden, aber auch Tausende aus dem Südosten und Osten Europas bezeugten, dass die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Hauses möglich ist. Diese optimistische, ja fast euphorische Stimmung hat nachgelassen und es wäre wichtig, sie wieder wachzurütteln.

Nach der Versammlung in Graz 1997 folgte 2007 eine dritte in Sibiu in Rumänien. Wird es eine vierte Versammlung in Europa geben? Unter welchem Titel und wo würden Sie diese als sinnvoll erachten?

Sinnvoll und notwendig ist jede ökumenische Initiative, ob klein oder groß, lokal oder regional oder gesamteuropäisch.  Es gibt sehr viele wichtige Anliegen und viele existentielle Probleme der Menschen insbesondere in unserer schwierigen Krisenzeit, in der die Würde der Menschen nicht genug ernst genommen wird, in der eine Überökonomisierung übermäßig die Menschen und die Politik beherrscht, eine schwindelerregende Geschwindigkeit den menschlichen Rhythmus durcheinander wirbelt, so dass die Orientierung des Menschen aus der Balance gerät. Gerade in dieser Situation ist eine gemeinsame, ökumenische Initiative notwendig, die in vielfältiger Weise dem heutigen Menschen hilft, wieder sich selbst zu finden. Eine Entschleunigung wäre heilsam!

Wo und wann eine solche gesamteuropäische Initiative wieder in Angriff genommen wird ist sekundär. Die Verantwortlichen können die richtige Entscheidung treffen, damit positive und handlungsfähige Ergebnisse erzielt werden.

Was würden Sie künftigen Organisator:innen für die Planung einer solchen Versammlung mitgeben?

Mit Mut, Entschlossenheit und Überzeugungskraft wieder das ökumenische Wagnis zu wagen. Es lohnt sich. Auch wenn Schwierigkeiten und Probleme da sind. Und weil diese Probleme da sind, muss etwas unternommen werden, um die Probleme lösen zu helfen.

Die letzten Jahre wirkten Mächte und Gewalten auf uns ein – Pandemie,, Klimawandel, Inflation und der Krieg in der Ukraine beherrschen unseren Alltag und wir scheinen von einer Krise in die nächste zu schlittern. Welche Rolle(n) spielt Religion in Krisenzeiten wie diesen? Was sollen/können Religionsgemeinschaften tun?

Die Religionen spielen bei Krisensituationen eine wichtige Rolle, wenn sie der Realität ganz offen und mutig begegnen wollen. Der Krieg kann keine Probleme lösen, vor allem wenn er ein Angriffskrieg ist, der auf das schärfste verurteilt werden muss. Gerade der Angriffskrieg von Russland gegen den souveränen Staat Ukraine muss verurteilt werden. Die Kirchen müssen auf der Seite des Friedens sein und jede Duldung mit Schweigen, oder jede wie immer geartete Unterstützung eines solchen Krieges widerspricht der Botschaft des Evangeliums und handelt gegen das Wesen des Christentums. Das ist Irrweg, Irrlehre, Häresie. Die Kirchen gemeinsam müssen in ökumenischer Verantwortung und Gesinnung klare Position gegen den Krieg einnehmen. Ökumenische Arbeit ist auch Friedensarbeit, sonst ist sie keine ökumenische Arbeit. Die Menschen benötigen gerade in den vielfältigen Krisensituationen von heute Beistand, Hilfe, Ermutigung, Hoffnung und Zuversicht. Christsein und Resignation ist ein Widerspruch in sich.

Dem militärischen Krieg Russlands gegen die Ukraine ging ein kirchlicher Krieg um die Ukraine voraus, der jahrelang andauerte. Was waren die Hintergründe? Welche Mächte wirkten aufeinander und wie kann man dem entgegenwirken?

Alle Autokephalen, (selbstständigen) Orthodoxen Kirchen haben ihre Autokephalie im 20. Jahrhundert vom Ökumenischen Patriarchat gemäß der Ordnung und der Tradition der Gesamtorthodoxie  bekommen. Auch das Patriarchat von Moskau. Genauso hat die Orthodoxe Kirche in der Ukraine, nach ihrem Ansuchen und gemäß dieser Tradition ihre Autokephalie vom Ökumenischen Patriarchat bekommen. Warum nicht?

Das Moskauer Patriarchat ist dagegen, denn es meint, dass die Ukraine zu seiner Jurisdiktion gehört, was nicht stimmt, auch wenn es in der Ukraine eine russische Jurisdiktion eingerichtet hat, wie auch in anderen Ländern!

Die legitime Handlung des Ökumenischen Patriarchates kann man unmöglich als Grund nehmen, einen Angriffskrieg zu rechtfertigen und den Tod von Tausenden von Menschen, die man sogar als Brüder und Schwestern bezeichnete, in Kauf nehmen. Es ist unannehmbar und absolut zu verurteilen, wenn man sogar diesen blutigen und katastrophalen Krieg religiös zu begründen sucht, wie dies das Moskauer Patriarchat tut. Das hat mit Christentum nichts mehr zu tun.

Es ist sehr zu hoffen, dass dieser ungerechtfertigte Vernichtungskrieg so schnell wie möglich gestoppt wird, damit wieder der Friede zurückkommt. Neubesinnung und Metanoia, Umkehr, tut Not.

Es gibt keine Alternative zum Frieden! Das ist meine Hoffnung und meine Überzeugung.

(C) The Schubidu Quartet

Univ. Prof. Grigorios
Larentzakis,
geb. 1942 in Kreta, Studium
der orthodoxen Theologie
in Chalki (Konstantinopel)
und der kath. Theologie in
Salzburg und Innsbruck. Als
orthodoxer Theologe tätig
an katholischen Fakultäten,
Mitglied im Interreligiösen
Beirat der Stadt Graz.