Detaillierter Rückblick: Interreligiöse Fachtagung „Jugend ohne Gott?“

1024 683 ComUnitySpirit - Religions and cultures in dialogue
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Unter dem Titel „Jugend ohne Gott?“ Fragen und Beobachtungen zur Partizipation von jungen Erwachsenen in Religionsgemeinschaften“ fand vom 15. bis 16. November 2022 im Gemeinderatssaal des Rathauses der Stadt Graz die alljährliche interreligiöse Fachtagung statt. Organisiert wurde sie vom Afro-Asiatischen Institut Graz im Rahmen seines Projektes ComUnitySpirit in Kooperation mit der Privaten Pädagogische Hochschule Augustinum und mit Unterstützung der Stadt Graz.

Moderiert von Mag.a Dr.in Anna Maria Steiner wurde die Tagung von Bürgermeisterin Elke Kahr eröffnet. Elke Kahr betonte die Notwendigkeit von Respekt gegenüber allen Religionen und Kulturen und unterstrich die Wichtigkeit junger Erwachsener für ein solidarisches Zusammenleben in der Stadt Graz und darüber hinaus. Entscheidend dafür sind Werte, wie sie auch von Religionen vermittelt werden, die gerade jungen Menschen „Halt und einen Kompass im Leben geben, wodurch sie nicht orientierungs- und ziellos zurücklassen werden“.

In den einleitenden Worten hob Organisatorin Lisa Weichsler, BA MA hervor, dass Jugendliche zentrale Impulse für einen funktionierenden interreligiösen Austausch anstoßen. Das Potenzial der Jugend muss deshalb erkannt und durch das Inkludieren in Religions- und Glaubensgemeinschaft genutzt werden.

Professor HS-Prof. Mag. Dr. Markus Ladstätter lieferte anschließend den thematischen Einstieg in die Tagung und merkte an, dass die Frage nach der Jugend in den Religionen nicht nur eine Überlebensfrage seitens der Religionsgemeinschaften, sondern auch eine Frage nach der Zukunft unserer Gesellschaft ist: Welche Gestalt, welche Konturen, welches Profil und welche Identität soll unsere Gesellschaft haben? Religionen liefern hierfür wichtige Anreize, indem sie existenzielle Fragen des Lebens reflektieren und Werte vermitteln.

Jugendliche als Seismographen religiöser Entwicklung der Gesellschaft

Am ersten Abend stand die wissenschaftliche und theoretische Einordnung von Religion und Jugend im Mittelpunkt. Mag.a Julia Kaff (Institut für Jugendkulturforschung), Univ.- Ass. Dipl.- Pol. Dr. Jonas Kolb (Institut für Islamische Theologie und Religionspädagogik der Universität Innsbruck) sowie Prof.in MMag.a Dr.in Renate Wieser (Private Pädagogische Hochschule Augustinum) präsentierten dazu ihre soziologischen Studien.

Als ein zentraler Punkt der Studien ging hervor, dass sich die Jugend nicht als homogene Gruppe zusammenfassen lässt. Dennoch gibt die Forschung Erkenntnisse darüber, dass es bestimmte Tendenzen hinsichtlich Jugend und Religion gibt. In Jonas Kolbs Studie zur Religiosität und religiösen Praxis junger Muslim:innen zeichnet sich die Jugend als partielle Auszeit vom religiösen Leben ab. Die Jugend gilt als eine Zeit, in der sich die jungen Erwachsenen ausprobieren wollen und Fehler machen dürfen. Nach Renate Wiesers Forschung zur „Religiösität *christlicher* Jugendlicher in Österreich auf Basis der Lebenswelten-Studie 2022“, halten sich die jungen Erwachsenen dennoch die Möglichkeit einer transzendenten Deutung der Wirklichkeit in dieser Phase des religiösen „Standby-Modus“ offen. Damit Religionen gerade in dieser Zeit anschlussfähig für Jugendliche sind, müssen sie alltagstauglich sein. Julia Kaff sprach diesbezüglich von einem Wertewandel unter jungen Menschen hin zu Werten, die sich im Alltag bewähren und sich als lebensnah erweisen. Dieser Trend ging aus ihrer Studie zu den Einstellungen Jugendlicher zur Religion hervor. Freiheit und Selbststimmung, auch in ihrer Spiritualität, sind unter anderem von Jonas Kolb als zentrale Anliegen Jugendlicher genannt worden. Renate Wieser sieht in diesem Zusammenhang Jugendliche als Seismographen für die religiöse Entwicklung, welche die Schwingungen der Gegenwart aufgreifen und die Richtung für die Zukunft weisen.
Am Podium und im Gespräch mit dem Publikum, unter dem sich u.a. Vertreter:innen des interreligiösen Beirates der Stadt Graz sowie Fachinspektor:innen und Religionslehrer:innen befanden, war man sich einig, dass Religionen eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von Werten spielen, sie den Anstoß für die Reflektion von Sinnfragen geben und der Fokus auf die Bildung von religiöser Urteilsfähigkeit gelegt werden soll.

Von der Theorie zur Praxis: Offene Jugendarbeit und jüdisches Leben in Graz

Das am nächsten Tag praxisorientierte Programm gliederte sich in drei Abschnitte.
Am Mittwochvormittag hatten die Teilnehmer:innen die Möglichkeit, entweder an einem Jugendstreetwork Spaziergang durch Graz oder an einer Ausstellungsführung „Jüdisches Leben in Graz“ im Graz Museum teilzunehmen.

Der rund drei Kilometer lange Jugendstreetwork Spaziergang führte die Interessierten ausgehend vom Grazer Rathaus über die Mur-Promenade zum Volksgarten und wieder zurück. Der Jugendstreetworker Roland Maurer-Aldrian berichtete auf dem Rundgang von seiner Arbeit. In den letzten Jahren beobachtete er mit Besorgnis, dass die für Jugendliche nutzbaren öffentlichen Räume in Graz weniger werden. Die Stadt verkennt seiner Ansicht nach das Potenzial von öffentlichen Räumen, denn in ihnen können Jugendliche unter Gleichaltrigen Werte aushandeln und identitätsbildende Erfahrungen machen. Wichtig dafür ist, dass diese Begegnungsräume an die Bedürfnisse und die Lebenswelt der jungen Erwachsenen angepasst sind. Obwohl für viele Jugendliche, denen Roland Maurer-Aldrian in seiner Arbeit begegnet, Religion keine zentrale Rolle spielt, tragen Begegnungen und Dialoge zwischen jungen Erwachsenen verschiedener Religionen und Kulturen zu einer solidarischen und pluralistischen Gesellschaft bei.

In der Ausstellungsführung „Jüdisches Leben in Graz“ im Graz Museum begaben sich die Teilnehmer:innen auf eine historische Spurensuche. Die Konzipierung der Ausstellung lud die Besucher:innen ein, nicht nur passiv Informationen vermittelt zu bekommen, sondern selbst aktiv zu werden. Mit verschiedenen Hands-on-Objekten wurden die Interessierten dazu animiert, sich eigenständig mit der jüdischen Kultur auseinanderzusetzen und sich der gegenwärtigen jüdischen Vielfalt in der Stadt Graz bewusst zu werden.

Religion als sicherer Hafen für Suchende

Am Nachmittag standen in der ersten Podiumsdiskussion die Perspektiven junger Menschen auf Religion und Religiosität im Fokus. Andin Berisha (Muslimische Jugend Österreich), Mila Colina (Katholische Jugend Steiermark), Marina Zakhari-Betros (Mitglied der Koptisch-orthodoxen Gemeinde Steiermark), Stella Klell (Mitglied der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft), Mag. Dominik Knes (Diözesanjugendreferent der Evangelische Jugend Steiermark) und Lina Werner (Mitglied der Bahá’í-Gemeinde Steiermark) teilten ihre Erfahrungen und sprachen darüber, wie ihre religiöse Sozialisation aussah, wie sie die Rolle der Jugendlichen hinsichtlich Religion sehen und wie es gelingen kann, dass sich junge Menschen in Religionsgemeinschaften zugehörig fühlen.

Marina Zakhari-Betros hob hervor, dass eine Kirche ohne Jugend eine Kirche ohne Zukunft ist. Religionen und Religionsgemeinschaften müssen sich der Jugend öffnen und sie einbinden, um zukunftsfähig zu sein. Die jungen Menschen müssen spüren, dass sie ernst genommen und akzeptiert werden. Diesbezüglich betonte Stella Klell, dass Religionen am Puls der Zeit sein müssen und sich mit den Ansichten, Sorgen und Problemen der jungen Menschen und der Gesellschaft auseinandersetzen müssen. Damit das gelingt, ist es nach Dominik Knes entscheidend, dass junge Menschen in den Religionen präsenter und unter anderem auch in den Gremien vertreten sind. Dadurch können sie ihre Lebenswelt in die Religionsgemeinschaften einbringen. Dazu hob Mila Colina eine klare und verständnisvolle Sprache als einen Schlüsselfaktor der Inklusion junger Erwachsenen in Religionsgemeinschaften hervor, denn Sprache schafft Bewusstsein. Demzufolge braucht es eine Sprache, die sich nicht nur an die Erwachsenen, sondern auch an die Jugend richtet. Lina Werner merkte diesbezüglich an, dass es wichtig ist, Transzendenz auf die praktische Ebene zu bringen um sich vom Bild Gottes als etwas Fernes, das nicht verstanden werden kann, zu lösen. Nach Andin Berisha ist hier die Rolle der Jugendorganisationen zentral. Organisiert von Jugendlichen für Jugendliche werden im gemeinschaftlichen Austausch neue subjektive und lebensnahe Zugänge zu Religion und Religiosität vermittelt.
Das Podium sah Religion als einen „safe space“, als einen Ort, in dem sie sein können wie sie sind, in dem sie ihrer Stimme Gebrauch machen können, sie gehört werden und in dem sie Heimat finden können. Religiosität ist für sie etwas Individuelles, in dem sie frei von starren, traditionellen und dogmatischen Werten selbstbestimmt und selbstverantwortlich auf ihre persönliche, transzendente Sinnsuche gehen können.

Im Austausch der jungen Erwachsenen wurde vor allem eines deutlich: Die Anliegen und Herausforderungen der Jugendlichen aus den verschiedenen Religionsgemeinschaften sind sehr ähnlich und nicht so unterschiedlich, wie es von außen wirken mag. In diesem Zeichen stand das Verbindende und nicht das Trennende der Religionen im Mittelpunkt des Dialoges. Für die Zukunft wünschen sich die Jugendlichen eine stärkere interreligiöse Vernetzung, um sich gemeinsam durch einen offenen und toleranten Austausch den gegenwärtigen Herausforderungen zu stellen.

In der zweiten Podiumsdiskussion reflektierten anschließend die Verantwortlichen aus den Religionsgemeinschaften Mag. Michael Aldrian (Religionslehrer der Buddhistischen Religionsgemeinschaft in der Steiermark), Amila Mujagic (Islamische Religionsgemeinschaft Steiermark), Siham Islek (Ehemalige Stellvertretende Obfrau der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien in Österreich), Sabine Schönwetter-Cebrat, BEd (Fachinspektorin für den evangelischen Religionsunterricht in der Steiermark) und Stephanie Schebesch, MA (Bereichsleiterin Kinder und Jugend der katholischen Kirche Steiermark) den bisherigen Output der Fachtagung und sprachen über ihre Wahrnehmungen hinsichtlich Jugend und Religion.

Amila Mujagic betonte, dass die Anliegen der Jugendlichen an die Religionsgemeinschaften durchaus realistisch sind und somit Gehör finden müssen. Wenn Religion mit den Interessen der Jugendlichen und deren Alltag verbunden wird, ist sie für Jugendliche realitätsnah und somit anschlussfähig. Siham Islek hob diesbezüglich die Wichtigkeit der religiösen Bildung hervor, dessen Grundstein in der Familie gelegt und später in den Kirchen und Vereinen sowie im Religionsunterricht vertieft wird. Sie dienen den Jugendlichen als Räume, in denen sie religiöse Werte kennenlernen und ausprobieren können, um sie reflektiert in ihrem Alltag zu integrieren. Das Einbinden der Jugend in die Religionsgemeinschaften und ein unterstützender Religionsunterricht kann somit als wesentlich angesehen werden. Dazu meinte Michael Aldrian, dass es für die Religionsgemeinschaften und den Religionsunterricht wichtig ist, den „Eiertanz“ zu wagen, jungen Erwachsenen bei der eigenständigen Suche nach Transzendenz und Werten beizustehen und gleichzeitig nicht in das Weltbild einzugreifen, mit dem sie aufgewachsen sind. Vor allem hinsichtlich der sich abzeichnenden Tendenzen der Entkirchlichung sowie Deinstitutionalisierung von Religion betonte Sabine Schönwetter-Cebrat, dass die Potenziale junger Erwachsener genutzt und ihnen die Möglichkeit zur Mitsprache und Partizipation gegeben werden muss. Stephanie Schebesch plädierte im Sinne des Austausches auf Augenhöhe und einer funktionierenden Inklusion der Jugend in die Religion, Jugendliche viel öfter zu Wort kommen zu lassen und ihnen zuzuhören, denn sie wissen am besten was sie brauchen.

Antworten gesucht und gefunden

Die offenen, interreligiösen Gespräche, die vom gegenseitigen Zuhören, Verstehen und Lernen zwischen jungen Menschen und Verantwortlichen sowie Angehörigen aus Religionsgemeinschaften geprägt waren, geben Grund zur Zuversicht. Die Jugend ist nicht „ohne Gott“, sie hat nur andere Zugänge zu ihm und zur Religion gefunden. In einer vom Wertewandel geprägten, solidarischen und pluralistischen Gesellschaft braucht es Resonanzräume für Jugendliche, in denen ihnen Angebote zur partizipativen und persönlichen Suche nach erfahrbaren und sinnstiftenden Werten gemacht werden. Entscheidend ist, dass sowohl gebildete religiöse Identität als auch reflektierte Religionslosigkeit auf dem Niveau der Gegenwart ins Gespräch gebracht wird. Die Religionsgemeinschaften müssen die Zeichen der Zeit erkennen und die Anliegen der Jugendlichen ernst nehmen und anerkennen, denn Religion ohne Jugend ist Religion ohne Zukunft.

Als ein konkretes Ergebnis der Tagung wird am 20. März 2023 zu einem interreligiösen Vernetzungstreffen für Multiplikator:innen in der Jugendarbeit an der PPH Augustinum geladen.